Hallo vom 20. Juni 2000

Aufgebrachte Mütter

Bürgerinitiative stellt Strafanzeige wegen Verseuchung des Fiat-Geländes

Auf großes Interesse stieß eine Versammlung der Kirchseeoner SPD in der Reihe "Kommunalpolitik aktuell" mit dem Schwerpunktthema "Zunkunft des Fiat-Geländes". Der Versammlungsraum im Gasthof Brückenwirt war am ersten Mittwoch im Juni bis auf den letzten Platz besetzt.

Der SPD-Ortsvereinsvorsitzende und 2. Bürgermeister Günther Wagner faßte eingangs der Veranstaltung in einem ausführlichen Referat noch einmal die Nutzung des Fiat-Geländes in den Jahren von 1869 bis 1984 zusammen. Bis 1956 wurden hier von der Königlich-Bayerischen Staatsbahn, der Deutschen Reichsbahn und zuletzt von der Bundesbahn Schwellen für den Gleisbau hergestellt.

Massiver Giftcocktail

Das große Problem dabei war, daß diese Holzschwellen durch hochgiftige Imprägnierungsverfahren mit Teerölen und Schwermetallen gegen Verwitterung und Schädlinge geschützt wurden. Nach dem Tauchvorgang in großen Becken mit dem Giftcocktail wurden die Bahnschwellen auf dem heute als Fiat- oder Iveco-Gelände bezeichneten Areal, aber auch im Bereich der jetzigen Fritz-Litzlfelder-Straße und westlich der Münchner Straße zum Abtropfen und Trocknen gestapelt. Dabei sind die Schadstoffe in den Boden eingedrungen und - wie man aufgrund verschiedener Untersuchungen seit 1990 mittlerweile weiß - im Laufe der Jahrzehnte bis zum Grundwasser in einer Tiefe von mehr als 30 Metern vorgedrungen. Jüngste Grundwasserproben wiesen einen übelriechenden Teerölfilm auf, bei dem sogar der Laie mit einem Blick oder einer Schnupperprobe die gravierende Verschmutzung erkennen konnte.

Nach der Schließung des Schwellenwerks im Jahr 1956 wurde das Areal zum größten Teil verkauft. Nördlich der Gleise entstand Wohnbebauung und im südlichen Teil erwarb die Fiat-Gruppe, die schon seit 1945 eine Niederlassung in Kirchseeon hatte, eine Fläche von 170.000 Quadratmetern. Dort wurden bis Mitte der 80er Jahre Importautos von Fiat/Italien und später LKW’s der Marke Iveco entkonserviert und zur Auslieferung an die Händler vorbereitet. Auch dieser Vorgang hat das schon verseuchte Erdreich weiter belastet. Nachdem die Fiat-Betriebsstätte 1984 ihre Pforten schloß, siedelten sich noch ein paar kleinere Firmen im Gelände an, bevor es dann endgültig zur verwaisten Industriebrache wurde.

Betreten verboten!

Nach mehreren Untersuchungen in den 90er Jahren wurde das Areal vom Landratsamt als Risikogebiet eingestuft, und der Besitzer erhielt die Auflage, mit einer Einzäunung unbefugtes Betreten zu verhindern. Mehrmals sah es so aus, als ob es in Kooperation der Grundstücksbesitzer Fiat und Bahn mit der Gemeinde, dem Landratsamt und den anderen Behörden zu einer Sanierung des Geländes kommen sollte. Die Bahn als Hauptverursacher der Altlasten blockte im entscheidenden Moment jedoch immer wieder ab und spielte auf Zeit.

Auch rechtliche Anordnungen des Landratsamtes blieben bisher wirkungslos. In dem jüngsten Erlaß vom Mai wurde die Bahn erneut zur umgehenden Vorlage eines vernünftigen Konzepts zur Grundwassersanierung aufgefordert. Aber auch hier werden die Hoffnungen der Bürger und der Behörden wohl wieder einmal enttäuscht werden, denn der Rechtsanwalt der Bahn hat bereits rechtliche Schritte gegen diese Anordnung angekündigt.

Sinnvolle Nutzung

In einem speziellen Info-Blatt, das an alle Haushalte verteilt werden soll, hat die Kirchseeoner SPD das kritische Thema - besonders auch zur Information der zum Teil sehr beunruhigten Neubürger - nochmals anschaulich zusammengefaßt. Die Kirchseeoner SPD wollte bei ihrer Veranstaltung deutlich machen, daß sie keinesfalls auf Dauer eine verseuchte Industriebrache in der Ortsmitte haben will. Es müsse dabei aber jedem klar sein, daß eine vernünftige und umfassende Sanierung von Wasser und Boden nur dann erfolgen werde, wenn anschließend eine Bebauung auf dem Gelände genehmigt wird. Kein Investor werde zweistellige Millionensummen dafür ausgeben, wenn er nicht davon ausgehen könne, anschließend durch das Bauland entsprechende Profite zu erwirtschaften. Als besonders wichtig sieht es Bürgermeisterin Uschi Bittner dabei an, daß die Bahn endlich rechtsverbindlich zu einer Grundwassersanierung verpflichtet wird. Wenn dieses sowohl zeitlich als auch kostenmäßig schwer überschaubare Risiko von der Bahn übernommen werde, werde sich wohl wesentlich leichter ein Investor finden, der dann die Sanierung des Erdreichs übernimmt.

Die örtliche SPD wollte mit der Veranstaltung den Anstoß zur Bildung einer Bürgerinitiative geben, um der Bahn und der Öffentlichkeit deutlich zu zeigen, daß die Bürger Kirchseeons keinerlei Verständnis mehr für das jahrelange Taktieren und Verzögern der Bahn hätten. Mittlerweile sei definitiv nachgewiesen, daß sogar schon das Grundwasser verseucht sei und damit mittelfristig das Trinkwasser benachbarter Gemeinden gefährdet ist. Es sei jetzt an der Zeit, daß die Bahn sofort handle und die Verantwortung für die von ihr verursachten Altlasten übernehme. Bürgermeisterin Uschi Bittner betonte, daß die Bürgerinitiative von einer breiten Mehrheit getragen werden und absolut neutral sein solle, damit nicht parteipolitische Interessen ins Spiel kämen. Es handle sich hier um das Anliegen des ganzen Ortes und eigentlich auch der Nachbargemeinden.

Bereits aktiv

Der Anstoß der SPD für eine Bürgerinitiative wäre aber gar nicht mehr nötig gewesen, denn ausgelöst durch die intensive Presseberichterstattung der letzten Wochen und eines Berichts im bayerischen Fernsehen hatten sich bereits ein paar junge Mütter zusammengeschlossen, um hier massiv öffentlichen Druck zu machen. Sie machten sich ernsthaft Sorgen um die Gesundheit ihrer Kinder, denn man könne nicht absehen, welche Langzeitschäden durch das vergiftete Grundstück in der Ortsmitte entstehen könnten. Besorgniserregend sei für sie auch, daß der Kindergarten "Im Dachsbau" sich in unmittelbarer Nachbarschaft dieses Geländes befinde.

Verstärkt wurden ihre Ängste noch durch einen fachkundigen Besucher der SPD-Veranstaltung, der bezweifelte, daß die Bahn beim Neubau der Gleise die vorgeschriebenen Untersuchungen tatsächlich durchgeführt habe. Er sei des öfteren während der Gleisarbeiten auf der Baustelle gewesen und habe niemals auch nur eine Spur der eigentlich sehr auffälligen Meßgeräte entdecken können. Unmittelbar am Tag nach der SPD-Veranstaltung fragte deshalb eine der jungen Frauen nochmals beim Gesundheitsamt in Ebersberg bezüglich der Messungen nach und erkundigte sich, ob man die Ergebnisse einsehen könnte. Daraufhin wurde ihr mitgeteilt, daß die Untersuchungen von der Bahn selbst durchgeführt worden seien und dem Gesundheitsamt keine Meßergebnisse vorlägen.

Protest unterstützen

Die Initiatorinnen waren aber auch schon vor der SPD-Veranstaltung aktiv und hatten Kontakt mit kritischen Wochenmagazinen einiger Fernsehanstalten aufgenommen. Sie wollen den Kirchseeoner Umweltskandal und die Untätigkeit der Bahn bundesweit publik machen. Weiter formulierten sie eine Strafanzeige gegen den Verursacher der Verseuchung des Grundwassers, und am Abend der SPD-Veranstaltung konnten sich die Anwesenden bereits in die Unterschriftenliste eintragen. Diese Listen lagen in den letzten Tagen auch in einigen örtlichen Geschäften aus, und sie erzeugten eine große Resonanz. Bereits am ersten Tag konnte man mehr als 200 Unterstützer vermelden. Die Bürgerinitiative hält es für eine grobe Ungerechtigkeit, daß jeder Bürger, der mit einer kleinsten Menge an Schadstoffen das Grundwasser gefährdet, sofort zur Verantwortung gezogen wird und mit strafrechtlichen Schritten rechnen muß, während ein Konzern wie die Bahn trotz einer großflächigen Verseuchung eines ganzen Gebietes seit einem Jahrzehnt ziemlich unbehelligt davonkommt.

Zu einer offiziellen konstituierenden Sitzung wird sich die Bürgerinitiative am Abend des 30. Juni im Gasthof Brückenwirt treffen, um dort auch weitere Schritte zu beschließen. Die Kirchseeoner Bürger, aber auch Menschen aus den Nachbargemeinden, sind herzlich eingeladen, an dieser Veranstaltung teilzunehmen und in der Bürgerinitiative mitzuarbeiten. (kk/wmh)

Bildunterschriften:

Chip Bild Nr.: 793 - 796

Der SPD-Ortsvereinsvorsitzende und 2. Bürgermeister Günther Wagner erläuterte den zahlreichen Zuhörern die Hintergründe der problematischen Situation Kirchseeons durch die gravierende Verseuchung des Fiat-Geländes. Unter den Gästen waren viele junge Frauen, die nicht gewillt sind, diese alarmierende Sachlage länger hinzunehmen und die die Kirchseeoner in Form einer Bürgerinitiative zu einem gemeinsamen massiven Protest aufrufen wollen.