Hallo vom 3. August 2000

"Wasser ist L-EBE-N"

Kirchseeoner Bürgerinitiative hat einen Namen

Bei der letzten Versammlung der neuen Kirchseeoner Bürgerinitiative zum Schutz des Trinkwassers hat der Verein seinen endgültigen Namen erhalten. Aus mehr als 30 eingegangenen Vorschlägen hatten die Gründungsmitglieder bereits eine Vorauswahl getroffen und stellten schließlich drei Vorschläge zur Abstimmung. Mit deutlichem Vorsprung wurde der Name "Wasser ist L-EBE-N gewählt, weil er zum einen kurz und prägnant ist und zum anderen durch die graphische Hervorhebung der drei Buchstaben EBE im Wort Leben symbolisiert, dass es sich um ein Problem des gesamten Landkreises Ebersberg handelt.

An diesem Abend unterrichtete Susanne Schmidt, eine der Initiatorinnen, die rund 30 Besucher vom neuesten Stand der Dinge. Die Bahn habe zwar Widerspruch gegen den Sofortvollzug des Landratsamtes Ebersberg eingereicht, die notwendige Begründung jedoch bis zum vorgegebenen Stichtag nicht nachgereicht. Die Akten seien deshalb an die Regierung von Oberbayern weitergeleitet worden und diese sei jetzt "Herr des Verfahrens". Noch keinen Widerspruch hat Dr. Matthias Dombert, Rechtsanwalt der Bahn, gegen den Sofortvollzug eingelegt. Dies bedeutet, dass die Vorgaben von Landrat Hans Vollhardt für den Ablauf der nächsten 18 Monate weiter Bestand haben. Eine erster Test für die Mitarbeit der Bahn ist der Stichtag Ende August, bis zu dem die Auftragsvergabe für weitere Untersuchungen nachgewiesen werden muß.

Am 3. August findet auf Anregung der Anzinger Umweltstaatssekretärin Christa Stewens eine Besprechung mit den Bahnvertretern, der Regierung von Oberbayern, dem Landratsamt Ebersberg und dem Wasserwirtschaftsamt im Bayerischen Umweltministerium statt. Die CSU-Politikerin will sich dabei bemühen, die Bahn und das Bundeseisenbahnvermögen von weiteren rechtlichen Schritten abzuhalten und die Sanierung des ehemaligen Bahnschwellenwerks konsequent und schnell voranzubringen.

Reger Schriftverkehr

In zwei offenen Briefen appellieren Mitglieder der Bürgerinitiative, Hermann Will sowie Susanne Schmidt und Ida Gaier, nochmals nachdrücklich an die bayerische Umweltstaatssekretärin, hier alles daranzusetzen, um eine schnelle Lösung herbeizuführen. Der pragmatische Ansatz müsse lauten "Erst sanieren, dann klären", meinen Schmidt und Gaier, da die Zeit dränge. Will gibt in seinem Schreiben noch einmal der "Wut über den Zynismus" Ausdruck, mit dem die Bahn das Kirchseeoner Altlastenproblem seit mehr als einem Jahrzehnt vor sich her schiebe. Er warnt vor einem Wasser-GAU, denn vor ein paar Jahren hätten Gutachter auch noch versichert, dass für das Grundwasser keine Gefahr bestehe. Mittlerweile seien jedoch massive Verseuchungen schon in zwei Kilometer Entfernung vom Schadensschwerpunkt im Ebersberger Forst nachgewiesen worden und es bestehe die reale Gefahr, dass die Giftstoffe in die Trinkwasserbrunnen von Kirchseeon, Anzing, Ebersberg, Markt Schwaben, Forstern oder Hohenlinden gelangen könnten. Man solle die Warnung von Karl Hafner, dem Leiter des Münchner Wasserwirtschaftsamtes, absolut ernst nehmen, für den "Gefahr in Verzug" sei und der sich sofortiges Handeln wünsche.

Wildschweine wichtiger als Wasser?

Bei der Veranstaltung im Brückenwirt konnte Will es auch nicht verstehen, dass für verschiedene Probleme unterschiedliche Maßstäbe angewandt würden. "Wenn es um Wildschweine geht, wird das Problem zum Kult hochstilisiert. Wenn es aber um unser Wasser geht, um unsere Lebensgrundlage, dann interessiert das keine Sau", formulierte er drastisch. Erfreut war die Bürgerinitiative, dass sich in Kirchseeon so viele Menschen für das Problem engagierten. Schon viele hundert Bürger hätten durch ihre Unterschrift unter die Strafanzeige gegen die Bahn gezeigt, dass sie endlich eine sofortige Lösung wollten, und für den neuen Verein gibt es auch schon mehr als 50 Voranmeldungen.

Leider sei das Problembewußtsein in den Nachbargemeinden noch nicht im nötigen Umfang angekommen. Man habe mittlerweile aber bereits Kontakt mit den Bürgermeistern aufgenommen, die durchwegs ihre Unterstützung zugesagt hätten. Durch geplante Veranstaltungen in den besonders betroffenen Orten im Bereich des Abwasserstroms will die Kirchseeoner Bürgerinitiative

Engagement der Parteien erwünscht

Die Gründungsmitglieder haben zwischenzeitlich beschlossen, dass auch juristische Personen wie Firmen, Vereine und Parteien Mitglied im Verein "Wasser ist Leben" werden können. Wahrgenommen wurde dieses Angebot bereits von den Kirchseeoner Grünen, die sich zwar etwas spät, aber dafür jetzt mit viel Engagement eingeklinkt haben. Klaus Schöffel von den Grünen erläuterte der Versammlung, dass der zuständige Bundestagsabgeordnete der Partei, Albert Schmidt, mittlerweile mit dem Präsidenten des Bundeseisenbahnvermögens Kontakt aufgenommen habe und auch Landes- und Kreispolitiker die Bemühungen der Kirchseeoner Bürgerinitiative unterstützten.

Sondermüll Grundwasser

Auch die Bundestagsabgeordneten von CSU und SPD, Josef Hollerith und Ewald Schurer, haben sich bereits schriftlich an den Bundesverkehrsminister Reinhard Klimmt gewandt, um auf die brisante Lage in Kirchseeon hinzuweisen. Initiatorin Susanne Schmidt weist in einem Schreiben an Klimmt darauf hin, dass es sich in Kirchseeon um das größte Altlastengebiet Oberbayerns handelt und das verseuchte Grundwasser nach Aussage des Leiters des Wasserwirtschaftsamtes mittlerweile als Sondermüll deklariert werden müßte. Die Schuldfrage sei seit Jahren eindeutig geklärt, und es mache für die Menschen vor Ort überhaupt keinen Sinn, dass hier verschiedene Bundes-, Landes- und Kreisbehörden und trotz Privatisierung noch zu 100 Prozent dem Bund gehörende Unternehmen wie die Bahn AG gegeneinander klagten und unnötig Steuergelder verschwendeten, anstatt endlich etwas Konstruktives zu tun.

Die bayerische Umweltstaatssekretärin Christa Stewens hat in einem Brief an Klimmt, der von Landrat Hans Vollhardt, Kirchseeons Bürgermeisterin Uschi Bittner, der CSU-Europaabgeordneten Dr. Angelika Niebler, den Bundestagsabgeordneten Josef Hollerith (CSU) und Ewald Schurer (SPD), der Grünen-Kreisvorsitzenden Nicole Sievers und Vertretern der Bürgerinitiative mitunterzeichnet wurde, noch einmal an den Bundesverkehrsminister appelliert, die Bestrebungen nach sofortiger Sanierung bestmöglichst zu unterstützen.

Am Abend der Veranstaltung beim Brückenwirt setzten sich die Besucher im Anschluß an die allgemeine Diskussion in vier Arbeitsgruppen zusammen, um für die wichtigsten Bereiche des neuen Vereins Konzepte zu erarbeiten. Diese sollen dann auf der Mitgliederversammlung am 14. September vorgestellt werden. An diesem Tag findet auch die Wahl des Vereinsvorstandes statt, und die Bürgerinitiative hofft auf zahlreiche Besucher. Bis zur nächsten Versammlung wird die Bürgerinitiative mit Infoständen jeweils an einem Wochenmarkt in Kirchseeon und in Ebersberg präsent sein und gleichzeitig Informationsveranstaltungen in den betroffenen Nachbargemeinden vorbereiten. (kk/wmh)

Bildunterschrift:

Chip von KW 30 / Bild Nr. 877

Susanne Schmidt und Hermann Will (links sitzend bzw. stehend) berichteten den zahlreich erschienenen Kirchseeoner Bürgern bei der letzten Veranstaltung im Gasthof Brückenwirt über die verschiedenen Briefaktionen an die verantwortlichen Politiker und die geplanten weiteren Aktivitäten der Bürgerinitiative "Wasser ist L-EBE-N".