Süddeutsche Zeitung vom 28. Juni 2003

Gezerre um Sanierung

Bürgerinitiative übt Kritik an Machbarkeitsstudie

Kirchseeon - Bürgermeister Udo Ockel nahm vorweg, was die meisten der knapp zwei Dutzend Zuhörer im Saal des Kirchseeoner Rathauses dachten: "Der Zug rollt!" Die Frage sei nur, in welche Richtung. Der Inhalt der Machbarkeitstudie werde vermutlich nicht dem entsprechen, was die Bevölkerung sich vorstellte, sagte Ockel, nämlich die restlose Beseitigung der Schadstoffe auf dem "Iveco-Gelände", wie das ehemalige Bahnschwellenwerk im Volksmund genannt wird. Eine Vermutung, die sich bestätigen sollte.

In einem fast zweistündigen Vortrag erläuterten die Geologen Thomas Meyer-Uhlich und Erhard Reutter vom Ingenieurbüro Geodata explizit, welche Erkenntnisse die fast zweijährige Erkundung des Geländes ergeben hatte und welche technischen Maßnahmen sie zur Beseitigung der Teeröle und Schwermetalle für geeignet halten. Von Geschiebelehm-Relikten war dort die Rede, von Kaskaden-Formationen, von 250 Meter langen Spundwände, von 10000 Kubikmeter Erdaushub und einer hässlichen "Deckel-Lösung". Und auch von Prioritätenlisten, basierend auf monetären und nicht-monetären Vergleichsberechnungen.

Am Ende aber stand ein Wort, das den bis dahin sachlichen Teil des Abends abrupt beendete: "Gefälligkeitsgutachten". Weil ihrer Meinung nach so manche Berechnungsfaktoren der Machbarkeitsstudie eher das Budget der Bahn entlasteten als das Kirchseeoner Grundwasser, insbesondere die projektierte Zeitspanne der Pumpreinigung, zweifelte Hermann Will, Sprecher der Bürgerinitiative "Wasser ist Leben", laut und deutlich die Unabhängigkeit der Gutachter an. Diese würden doch nur das präsentieren, was die Auftraggeber der Studie, die Deutsche Bahn und das Bundeseisenbahnvermögen, sehen wollten.

Der Rechtsanwalt des BEV, Matthias Dombert, zeigte zwar Verständnis für die Wut der Bürger ("Sie haben Recht, die Interessen der Gemeinde sind nicht gewahrt."), doch bat er andererseits um Einsicht, dass es nur dann zu einer ökologisch hochwertigen Sanierung kommen könne, wenn auf dem Gelände eine hochwertige Nutzung angestrebt werde.

Und was dies betrifft, so scheinen die Verhandlungen eine neue Stoßrichtung einzunehmen. Wie Matthias Dombert gestern nach einem Gespräch mit Martin Tröger von der Firma "Effe", der Liegenschaftsverwalterin des Fiat/ Iveco-Konzerns, mitteilte, zeigt das Unternehmen nun offenbar selber Interesse an einer Folgenutzung des Geländes. Man habe sich bereits darauf geeinigt, "gemeinsam ein Konzept zu entwickeln", sagte Dombert. Dies könnte freilich alles, was am Donnerstagabend vorgestellt und diskutiert wurde, aus besagten Gründen unerheblich machen.

Sabina Griffith