Süddeutsche Zeitung vom 26. November 2003

Gemeinderat in Sachen Schwellenwerk einig

Sanierung nicht um jeden Preis

Investoren verdoppeln Wohnbebauung im neuen Konzept / Kirchseeon fürchtet zu starken Zuzug

Von Karin Kampwerth

Kirchseeon - Ungewohnte Einigkeit demonstrierten die Marktgemeinderäte in ihrer Sitzung am Montagabend. Dort stellten Martin Tröger von der Firma Iveco und Peter Dück von der Grundstücksentwicklungsgesellschaft Adis ihr neues Konzept für die Bebauung des Bahnschwellenwerkes vor und forderten eine unverzügliche Entscheidung darüber, dass statt der geplanten Gewerbeansiedlung nun verstärkt Wohnungen gebaut werden dürfen.

Verärgert zeigte sich das Gremium vor allem deshalb, weil weder Tröger noch Dück Unterlagen zu den neuen Plänen mitgebracht hatten. „Wie sollen wir über etwas entscheiden, dessen Auswirkungen wir nicht beurteilen können“, kritisierte beispielsweise Herbert Blöchl (SPD) und fand die Zustimmung von Barbara Burgmayr (CSU), die die schlechte Vorbereitung der Firmen-Vertreter rügte und die Hauptbefürchtung parteiübergreifend auf den Punkt brachte: „Wir wollen in Kirchseeon kein Neuperlach-Süd.“

Hintergrund der Kritik ist die von Dück mit etwa 1200 Neubürgern bezifferte Zuzugsrate, die auf dem Iveco-Gelände zu erwarten sei, wenn einer Nutzungsänderung von reinem Gewerbegebiet in Mischgebiet zugestimmt würde. Der ursprüngliche Rahmenplan sieht jedoch nur einen Zuzug von 450 bis maximal 600 Bürgern vor, was laut mehrerer Gutachten, die von Kirchseeons Verwaltung in Auftrag gegeben worden sind, gerade noch verträglich ist. Hubert Reinhardt (CSU) warnte vor dem stark erhöhten Verkehrsaufkommen über Waldbahn, Riederinger Straße und Werkstraße, die in die B 304 einmünden. „Kirchseeon verkraftet nur eine gewisse Zahl an Zuzug“, zeigte sich auch Birgit Sedlaczek (Grüne) überzeugt. Uschi Bittner (SPD), die als ehemalige Bürgermeisterin die Verhandlungen über den vorliegenden Rahmenplan geführt hatte, warf Dück vor, auf der Internetseite seiner Firma das neue Bebauungskonzept bereits zu bewerben.

Trotzdem wollten Tröger und Dück nicht ohne ein Signal zur Nutzungsänderung die Sitzung verlassen. „Wir brauchen Ihre Zustimmung, damit die Iveco-Vorstände Mittel zur weiteren Planung freigeben.“ Planungshoheit behalte die Marktgemeinde dennoch. Und Tröger warnte: „Mit dem jetzigen Rahmenplan ist das Grundstück unverkäuflich.“ Die angenommene Ansiedlung von Gewerbe sei nicht mehr realisierbar.

Trotzdem ließ sich der Marktgemeinderat keine „Wischiwaschi-Entscheidung“, wie Christoph Köhler (Grüne) sagte, abringen und schloss sich Uschi Bittners Forderung nach neuen Gesprächen an, wenn stadt- und verkehrsplanerische Gutachten unter den aktuellen Voraussetzungen fortgeschrieben sind. Dem schloss sich Bürgermeister Udo Ockel an. Man wolle eine Lösung finden, mit der beide Seiten leben können und keine „Sanierung um jeden Preis.“