Süddeutsche Zeitung vom 14. Januar 2004

Aus Giftgrube soll grüne Parkstadt werden

Sanierung des Iveco-Geländes nimmt Formen an / Zuzug soll auf 1200 Neubürger begrenzt werden

Von Karin Kampwerth

Kirchseeon Nach langjährigen, zähen Verhandlungen und immer wieder neuen Planungsideen scheint in Kirchseeon jetzt eine Grundlage für die Sanierung des ehemaligen Bahnschwellenwerkes auf dem Iveco-Gelände gefunden zu sein. Am Montagabend präsentierte Peter Dück von der Grundstücksentwicklungsgesellschaft Adis gemeinsam mit einer Expertenrunde dem Bauausschuss der Marktgemeinde die Pläne, die eine grüne Parkstadtfür 1200 Neubürgervorsehen. Seit November war klar, dass die ursprüngliche Planung einer Gewerbeansiedlung direkt an der Bahnlinie nicht mehr haltbar sei. "Dafür ist kein Markt mehr vorhanden", sagte Dück damals. Vor dem Bauausschuss bekräftigte er noch einmal seinen Appell,

umzudenken und eine Wohnbebauung auch in diesem Gebiet in Betracht zu ziehen, sonst sei das Sanierungsprojekt gefährdet. Das scheinen sich die Mitglieder des Marktgemeinderates über die Weihnachtsferien zu Herzen genommen zu haben. Sie einigten sich darauf, den Zuzug von doppelt so vielen neuen Bürgern wie ursprünglich vorgesehen nicht mehr vollständig abzulehnen. Stattdessen wollen die Verhandlungspartner einen Kompromiss für eine "zufriedenstellende Lösung für beide Seiten anstreben", so Dück. Wichtig erschien Bürgermeister Udo Ockel dabei die Festlegung der maximalen Anzahl von Wohneinheiten, "um keine bösen Überraschungen zu erleben." Das gelte vor allem für die Mehrfamilienhäuser. Auf keinen Fall wolle man, dass statt der jetzt versprochenen großzügigen Wohnungen kleine 1-Zimmer-Appartements entstünden. Das Gremium forderte außerdem eine Fixierung der Zeit über mehrere Jahre hinweg, in der das Neubaugebiet entstehen werde. "Wir müssen die Baugeschwindigkeit festlegen, damit die Belastung für die Kommune nicht zu hoch wird", warnte Herbert Blöchl (SPD). Nur mit einer Planung über mehrere Jahre sei gewährleistet, das die Infrastruktur der Marktgemeinde mit Kindergärten und Schulen die Neubürger auch verkraften könne. Die Pläne, die Wemer Geer von der Architektengruppe Dialog vorstellte, sehen eine Bebauung von Doppelhäusern und Einfamilienhäusern Richtung Waldrand vor, während an der Bahnlinie Mehrfamilienhäuser mit vorwiegend Drei- bis Fünf-Zimmerwohnungen entstehen sollen. Auch das im

November harsch von den Ratsmitgliedern kritisierte fehlende Verkehrskonzept lag am vergangenen Montag vor. Verkehrsplaner Professor Wolfram Dressel von der Stuttgarter Universität rechnete vor, dass die Kirchseeoner trotz doppelt so hohem Zuzug nur von einer Zunahme des Autoverkehrs in Höhe von 17 Prozent ausgehen müssten, "da der Verkehr des Gewerbegebietes wegfällt". Auch ein Grünkonzept konnten die Planer präsentieren, wobei in erste Linie auf private Gärten gesetzt wird, ohne Gemeinschaftsflächen für spielende Kinder zu vergessen. Für alle Straßen soll Tempo 30 oder Schrittgeschwindigkeit gelten. Mit der Ausarbeitung eines städtebaulichen Vertrages sind die Anwälte nun gefordert, einen beschlussfähigen Kompromiss für eine der nächsten Sitzungen des Marktgemeinderates vorzulegen.


Giga-Zahlen

Als "gigantisches Projekt" bezeichnete Bürgermeister Udo Ockel das Bauvorhaben "am Taubenberg" auf dem Kirchseeoner Iveco-Gelände. Vielleicht habe man auf Grund der Größe des Neubaugebietes auch "Angst vor der eigenen Courage", warb Ockel vor den Planem für die zögerliche Haltung der Marktgemeinde. Hier ist der Taubenberg in Zahlen:

95 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche werden auf dem 200 000 Quadratmeter großen Areal verbaut. Wohnungen in Mehrfamilienhäusern sollen mit durchschnittlich 120 Quadratmetern familientauglich sein. Pro Jahr rechnen die Planer mit 70 bis 80 verkauften Wohneinheiten. 1200 Neubürger sorgen für 3150 zusätzliche Autofahrten durch Kirchseeon.