Süddeutsche Zeitung vom 15. Januar 2004

Randnotiz

Kinder im Quecksilberbiotop

Kinderstellplätze und Quecksilberbiotope - die Auswüchse stadtplanerischer Vorstellung sind bekannt. Welche Formen das annehmen kann, bewiesen die Ideenlieferanten für das alte Kirchseeoner Schwellenwerk. Bei den Stellplätzen für die lieben Kleinen handelte es sich freilich um einen unbeabsichtigten Versprecher von Grünplaner Wolfgang Wagenhauser. Ernst gemeint war jedoch der Vorschlag, dass sich die Quengelgeister auf dem hochgradig mit Quecksilber verseuchten Gebiet südöstlich der Bahnlinie austoben könnten.

Buddeln in belasteter Erde? Den Bauausschussmitgliedern und zahlreichen Kirchseeonern, die eigens zur Präsentation der Entwürfe ins Rathaus gekommen waren, verging das Lachen selbst in Erwartung von 1200 neuen Steuerzahler. Schließlich ist bekannt, dass selbst das Fieberthermometer zur Sicherheit inzwischen ohne Quecksilber auskommen muss. Deshalb wiegelten auch die Planer schnell ab und verkauften flugs eine andere Idee, indem sie einfach Beton über dem angedachten Biotop vorschlugen. Darauf setze man dann Skaterbahnen und Streetballplätze für größere Kinder.

Bleibt dennoch die Frage, wohin mit dem Nachwuchs, der noch zu unsicher auf Rollschuhen steht und zu klein ist, um den Ball in den Basketballkorb zu befördern. Vielleicht einfach in die heimische Sandkiste, die sich hoffentlich nicht nach jahrelangem Graben mit der Plastikschaufel doch noch als Pulverfass auf Altlasten entpuppt. Also auch hier Beton drüber, oder besser: Schwamm drüber! Das ist zumindest die einfachste und billigst Art der Sorgensanierung.

Karin Kampwerth