Süddeutsche Zeitung vom 06. Mai 2005

Wohnen um München

Wald, Wiesen und viel Verkehr

Kirchseeon, 25 Kilometer südöstlich vor München, liegt mitten im Ebersberger Forst. Ein guter Platz also, um sich niederzulassen - wären da nicht die 22.000 Autos, die täglich den Ort passieren.

Von Nicole Graner

Es ist November. Ende November. Draußen ist alles grau in grau, Melancholie drückt aufs Gemüt. Dichter Nebel legt sich wie ein milchiges Band vor den Ebersberger Forst. Plötzlich lösen sich Gestalten aus dem Grau. Große Gestalten mit fratzenhaften Gesichtern und zotteligen Gewändern: Die Perchten sind los. Die Mächte der Nacht bahnen sich ihren Weg durch Kirchseeon.

So ist es immer, wenn an den Raunächten die bayerischen Glücks- und Segensbringer durch Markt Kirchseeon, 25 Kilometer südöstlich von München, ziehen. Die Perchten und Kirchseeon, das sind zwei Begriffe, die unbedingt zusammengehören. Und als drittes kommt der Ebersberger Forst hinzu. "Unsere Gemeinde liegt quasi mitten im Wald", sagt Wolfgang Uebelacker, der nicht nur ein waschechter Kirchseeoner ist, sondern auch Vorsitzender des "Perschtenbundes Soj".

Tannenzapfen, Blaubeeren und Schwammerl sammeln, im Wald spielen - das war ein Teil seiner Kindheit. "Unsere Jugend hier war gigantisch." Noch gigantischer waren, wie sollte es anders sein, die Perchten. Als Zehnjähriger kam Uebelacker zum "Perschtenbund". Was hat Kirchseeon, was andere Gemeinden nicht haben? "Die Perchten", sagt Uebelacker sofort. "Ganz klar."

Der Ebersberger Forst ist bis heute beliebtes Naherholungsgebiet - für Einheimische und für die Münchner. "Damit werben wir", sagt Bürgermeister Udo Ockl. Ebenso mit dem Hallenbad, dem Gymnasium, das Kirchseeon bis 2008 bekommen wird, und mit einer guten Infrastruktur. Ein guter Platz also, um sich niederzulassen.

Doch das ist leichter gedacht als getan. Denn mit neuen Mietwohnungen kann Kirchseeon nicht werben. Bauprojekte sind derzeit nicht in Planung. Allerdings läuft seit 1991 ein Bauverfahren für das so genannte "Schwellenwerksgelände" mitten im Ort. "Das wäre ein schönes Areal, auf dem bis zu 1000 Einwohner Platz hätten", erklärt Ockl. "Aber wir sind eben schon seit Jahren dabei, mit den Grundstückseigentümern eine sinnvolle Bebauung zu planen."

Wenigstens mit Aussicht auf Erfolg? Vielleicht. Denn die Verhandlungen seien, so sagt Ockl, in die "heiße Phase" getreten. Ob das Hoffnung für mietlustige Münchner bedeuten könnte, ist unklar. Aber: Wenn das Projekt "Schwellenwerksgelände" scheitern sollte, schließt Bürgermeister Ockl neue Bauprojekte nicht aus.

Kirchseeon, an die S-Bahn angebunden, hat mit allen Ortsteilen Eglharting, Buch, Osterseeon, Riedering, Forstseeon und Ilching mehr als 9800 Einwohner. Es gibt 40 Vereine und ein reges Kulturleben. "Auch darauf sind wir stolz", sagt Ockl.

Der einzige Kummer ist die Bundesstraße 304 in Richtung Wasserburg. 22.000 Autos fahren täglich durch den Ort. Staus stehen auf der Tagesordnung. "Das ist ein Graus", schimpft Uebelacker. "Wenn das so weiter geht, kennt man Kirchseeon nur noch durch die Verkehrsdurchsagen in Bayern 3 und nicht mehr wegen der Wohnqualität."

Wohnqualität, das kann für Uebelacker natürlich nur bedeuten: der Ebersberger Forst und "seine" Perchten, die in den Raunächten durch Kirchseeon ziehen. Schaurig schön.

Einen Mietspiegel gibt es nicht. Der Quadratmeterpreis liegt zwischen 8 und 10 Euro.